Seelische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland

Psychische Probleme und Störungen bei Kindern und Jugendlichen werden oft zu spät diagnostiziert – verbesserte Vorsorgeuntersuchungen notwendig

Seelische Erkrankungen werden oft zu spät diagnostiziert, dabei könnten sie schon weit früher entdeckt werden, wenn die Vorsorgeuntersuchungen erweitert würden. Dies ist ein Fazit, das auf der Veranstaltung „Seelische Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland“ der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ) e.V. vom 4. Juni 2014 gezogen wurde, zu der neben ÄrztInnen und PsychologInnen auch Vertreter der Gesundheitspolitik eingeladen waren.

„Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen und Störungen müssen gut behandelt werden und dürfen in unserer Gesellschaft nicht ausgegrenzt werden. Sie haben ein Recht darauf, am normalen Alltag teilzunehmen, und brauchen diesen sozialen Kontakt auch“, betonte Prof. H. M. Straßburg, DAKJ-Vorstandsmitglied.

Psychische Störungen werden bei Kindern im Vorschulalter bei ca. 8 Prozent der Kinder, im Schulalter bei ca. 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen festgestellt, berichtete Prof. A. von Gontard, Direktor der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Homburg, in seinem Vortrag. Die Symptome dieser Störungen und Erkrankungen könnten durch Screeningmethoden, z.B. den Einsatz von anerkannten Fragebögen, identifiziert werden.

Dabei seien für eine differenzierte Diagnostik beispielsweise von Depression, Angststörung, Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung oder Autismus in jedem Fall spezielle Kenntnisse und ausreichend Zeit von mindestens 90 Minuten im Erstkontakt erforderlich. An erster Stelle stehe bei der Therapie die Beratung und ggf. eine gezielte Schulung der Eltern, an zweiter Stelle psychotherapeutische Methoden, oft auch in Gruppen, und erst an letzter Stelle auch der Einsatz von Medikamenten.

Frau Dr. H. Thaiss vom Ministerium für Soziales, Gesundheit und Familie Schleswig Holsteins stellte die umfangreichen Maßnahmen des bundesweiten Konzeptes der „Frühen Hilfen“ dar. Durch die frühzeitige Identifizierung von Risikofaktoren möglichst schon in der Schwangerschaft solle eine bestmögliche Entwicklung des Kindes in seiner Familie ermöglicht werden. Hierfür seien regionale Netzwerke verschiedener Institutionen, vor allem aus dem Bereich der Jugendhilfe, des öffentlichen Gesundheitsdienstes, der individualmedizinischen Behandlung, z.B. durch Kinder- und Jugendärzte, der familiennahen Betreuung durch Hebammen oder Kinderkrankenschwestern sowie der Unterstützung im Alltag durch entsprechend ausgebildete Laien vorgesehen. Die bundesweit noch sehr unterschiedlichen Konzepte würden aktuell wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Die wichtigste Voraussetzung für ein Gelingen sei vor allem die fachliche Kompetenz der Beteiligten. Dann aber kann auch eine deutliche Reduktion langfristiger Kosten für die Betreuung von sozial mangelhaft adaptierten Personen erreicht werden, u.a. durch Vermeidung von Jugendhilfemaßnahmen, Sozialunterstützung bis zur Heimunterbringung. So kann die Investition von 1 Euro im Bereich der Frühen Hilfen langfristig das 10- bis 30-fache an Kosten der öffentlichen Hand einsparen!

Zu Wort kam außerdem der Verein „Irrsinnig Menschlich“, der 2000 in Leipzig gegründet wurde, und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Präventionsprojekte an Schulen durchzuführen. Das mit mehreren Preisen ausgezeichnete Konzept hierfür wurde von Dr. M. Kroll, Oberarzt der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Leipzig vorgestellt.

Die Referentinnen und Referenten der DAKJ-Veranstaltung plädierten an die Politik, dass vor allem eine Änderung des § 26 SGB V, der die Früherkennungsuntersuchungen bei Kindern regelt, notwendig sei. Bislang ist hiernach nur die Erkennung körperlicher Erkrankungen und geistiger Entwicklungsstörungen vorgesehen. „Dies muss unbedingt um die Erkennung psychischer Störungen erweitert werden“, forderte Prof. Straßburg, und weiter: „Insgesamt muss beim Thema Kindergesundheit der Fokus wesentlich mehr auch auf das psychische Wohlergehen der Kinder und Jugendlichen und die frühzeitige Erkennung von Risikofaktoren und Störungen ausgerichtet sein.“

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